65. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau

2.Mai 2010

Eigentlich sollte darüber gar nicht berichtet werden, aber ein paar Dinge haben dann doch dazu geführt, dass hier diverse Eindrücke wieder gegeben werden. Die Tatsache, dass Bundespräsident Köhler an den Feierlichkeiten teilnahm hat damit allerdings nichts zu tun.

Letzte Woche wurde durch die Presse verkündet, dass einige Bereiche aus Sicherheitsgründen für die Öffentlichkeit unzugänglich sein werden. Konkret traf dies auf eine Ansprache am Krematorium und den anschließenden gemeinsamen Gang zum Appellplatz zu. Dort war ein großes Zelt aufgestellt in dem nur geladene Gäste den Reden von Köhler und anderen Gästen lauschen durften. Das „Fußvolk“ konnte draußen über eine Leinwand alles mitverfolgen. Dies stieß bei Einigen bereits auf Unverständnis. Zudem waren die Menschen von der Security an den Zelteingängen bei der Vermittlung nicht gerade feinfühlig, um es mal vorsichtig auszudrücken. Als “berufsmäßige Chaot_innen” ist man so etwas ja gewohnt. Den angereisten Angehörigen von Häftlingen und Besucher_innen gegenüber war das eine Frechheit. Die bereit gestellten Kränze für die spätere Niederlegung befanden sich ebenfalls in einem abgesperrten Bereich.

Ein Besuch in der KZ-Gedenkstätte erzeugt auch nach etlichen Malen immer wieder ein beklemmendes Gefühl, das zu einem solchen Anlass mit all den ehemaligen Häftlingen noch verstärkt wurde. Der Großteil der Teilnehmer_innen war von weither gereist: Polen, Tschechien, Ukraine, Russland und Weissrussland. Sie haben die Strapazen einer langen Reise auf sich genommen, um sich an einem Ort zu versammeln, an dem sie oder ihre Angehörigen gequält, misshandelt und beinahe ermordet wurden. Den Dachauer Bürger_innen, außer ihrer „Politprominenz“, war es einen Besuch nicht wert. Nur einzelne Dachauer_innen beteiligten sich. Jugendliche allerhöchstens ansatzweise.

Auf die Redner_innen soll hier nur vereinzelt eingegangen werden. Durch die Bank wurden Neonazismus und Rechtsextremismus mit keiner Silbe erwähnt. Dachau wurde als Ort des Erinnerns und des beispielhaften Umgangs mit der Geschichte bezeichnet. Gar nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass erst 1993 ein bayerischer Ministerpräsident die Gedenkstätte zu den Befreiungsfeierlichkeiten besuchte, dass bis in die 90er Jahre die Gedenkstättenarbeit und das Jugendgästehaus (damals noch als Initiative) missbilligt, wenn nicht gar sabotiert wurden. 1987 äußerte der stellvertretende Dachauer Bürgermeister Manfred Probst (CSU), er werde sich gegen eine Jugendbegegnungsstätte “bis zum letzten Blutstropfen zur Wehr setzen”. Bürgermeister Georg Englhard ließ Anfang der Neunziger aus Furcht vor einer “Lokalisierung der Schuld” im Bierzelt über das Jugendgästehaus abstimmen.

Martin Zeil, als Vertreter von Ministerpräsident Seehofer, konnte sich heute nur dazu durchringen sich gegen „Intoleranz und Gewaltbereitschaft“ auszusprechen. Im Gespräch mit einigen Besucher_innen stellte sich heraus, dass sie sich ein Statement bezüglich Neonazismus erwünscht hätten. Sie empfanden es als beschämend, dass heutzutage Aufmärsche von Neonazis in erster Instanz verboten, um dann in der zweiten wieder als zulässig betrachtet zu werden. Wie kann die viel beschworene Demokratie und Meinungsfreiheit für Leute gelten, die anderen Menschen das Recht auf Leben absprechen?

Von den offiziellen Feierlichkeiten enttäuscht, entschloss man sich sich zum ehemaligen „SS Schießplatz“ in Hebertshausen zu begeben, wo die VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) zu einer weiteren Gedenkstunde eingeladen hatte. Dort wurden mehrere Tausend sowjetische Kriegsgefangene hingerichtet. Die Einschusslöcher sind bis heute zu sehen. Die VVN beging ihre Feierlichkeiten zum 25. Mal, also seit 1985, einer Zeit in der man in Dachau die Geschichte allzu gerne verdrängte. Leider verzögerte sich der Beginn durch den verzögerten Ablauf an der Gedenkstätte um fast 2 Stunden. Denn es waren ehemalige sowjetische Häftlinge geladen, die sich noch an der Kranzniederlegung befanden. Hier gab es kein Zelt, nur nasse Bierbänke in der nassen Wiese, auf denen die überwiegend alten Menschen bis zum Beginn im Regen ausharren mussten. Das Warten hatte sich aber gelohnt. Denn in der ersten Rede des Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer (Lagergemeinschaft Dachau) wurde der Blick inhaltlich gleich auch auf den wieder erstarkenden Neonazismus gerichtet und an die nicht anwesende Jugend appelliert „gegen Rassismus, Antisemitismus, Neonazismus und Rechtsextremismus“ einzutreten. Er verwies auf den Schwur von Buchenwald. Desweiteren sprach ein ehemaliger Häftling aus der Ukraine und eine junge Russin, die in Dachau für die „Aktion Sühnezeichen e.V.“ arbeitet. Unter der musikalischen Begleitung des Liedes der Moorsoldaten legten schließlich alle Teilnehmer_innen rote Nelken am Mahnmal der Opfer nieder, zum Teil mit erhobener Faust. Es war nicht der Regen der da eiskalt den Rücken runter lief.

„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung, der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ (aus dem Schwur von Buchenwald)

Kleine Zeitleiste:

26. 4. 1945: Todesmarsch von Dachau

Zehntausende Lagerhäftlinge werden am Abend des 26. 4. zur Fuß Richtung Alpen getrieben.
Siehe:
gz-tm-dachau.de

28. 4. 1945: Dachauer Aufstand

Geflohene Lagerhäftlinge und Dachauer Arbeiter_innen versuchen in Dachau die Nazis mit Waffengewalt zu stürzen. Gegen 7 Uhr stürmen sie das Rathaus. Der Aufstand wird von der SS niedergeschlagen. Heute ist der Aufstand weitestgehend vergessen. Dem jahrelangen „Nichterwähnen“ liegt mitunter der teils kommunistische Hintergrund der Aufständischen zu Grunde. Siehe auch aaud.myblog.de

29. 4. 1945:

Gegen 10 Uhr vormittags wird Dachau und das Konzentrationslager von der US Armee befreit.


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