Gedenken an Pogromnacht in Dachau

09.11.2010

Am 8. November fand im Dachauer Rathaus eine Veranstaltung in Gedenken an die Pogromnacht vom 9. November 1938 statt. Dazu war mit Ruth David eine Überlebende geladen, die ihre Erlebnisse der Nacht und die für sie und ihre Familie und Freund_innen bedeutenden Schicksale in der Folge schilderte. Sie erzählte, wie die SA und SS in ihre Wohnung eindrangen und sämtliches Geschirr zerschlugen, ihren im Rollstuhl sitzenden Onkel die Treppe hinunter warfen, den Bruder und den Vater ins KZ Buchenwald deportierten. Ruth David selbst konnte mit ihrer Schwester im Sommer 1939 nach England fliehen. Die Mutter wird 1942 in Auschwitz umgebracht werden. Dies erfährt David erst nach dem Krieg. Abschließend wurde an der Gedenktafel am Rathaus ein Kranz niedergelegt.
In der Pogromnacht kamen insgesamt mehr als 1300 jüdische Menschen brutal zu Tode. 30000 wurden in KZ deportiert, auch nach Dachau. Wie viele jüdische Dachauer_innen genau betroffen waren ist heute nicht mehr eindeutig belegbar. Schätzungen belaufen sich auf 15 Menschen, die aufgefordert wurden die Stadt bis Sonnenaufgang zu verlassen.
Die Tatsache, dass die Stadt offiziell eine solche Veranstaltung ausrichtet war in Dachau nicht immer selbstverständlich. Erst 1988, nach 50 Jahren, wurde den Opfern des Terrors gedacht, in den Neunzigerjahren begonnen die lokale Geschichte der Stadt aufzuarbeiten und Initiativen, die dies bereits vorher versuchten zu praktizieren, nicht sabotiert (siehe Artikel auf dieser Seite zum 65. Jahrestag der KZ Befreiung). Mitbekommen haben es jedoch nur wenige Menschen. Die Teilnehmer_innen waren nahezu ausschließlich die örtliche Politprominenz. Im Bezug zu Neonazismus wird nach wie vor ein ignoranter Umgang gepflegt.
Kein Vergeben – Kein Vergessen

Erinnerungen von Max Mannheimer (Lagergemeinschaft Dachau) an die Pogromnacht: http://www.schoah.org/pogrom/mannheimer.htm

Pressemitteilung zu rechten Vorfällen 2010 in Dachau und Landkreis

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sammeln seit dem Jahr 2004 rechte Vorfälle jeglicher Art und fassen diese zu Jahreschroniken zusammen. Bisher wurde das Ergebnis auf unserer Website veröffentlicht. Da aber seit 2009 eine Zunahme der Qualität zu beobachten war und unsere Erfahrung uns gelehrt hat, dass in Dachau Rechtsextremismus und Neonazismus der Gegenwart allzu gern übersehen werden, beschlossen wir mit unserer diesjährigen Chronik direkt an die Öffentlichkeit zu gehen. Uns ist durchaus bewusst, dass es sich hierbei nur um einen Bruchteil der tatsächlichen Vorkommnisse handelt und bitten dies zu berücksichtigen.

Wir möchten des weiteren betonen, dass Dachau im Gegensatz zu anderen Regionen keine strukturierte, offen agierende Neonaziszene hat. Dennoch gibt es Personen, Personenzusammenhänge und Cliquen mit Kontakten zur NPD/JN und der Münchner und überregionalen Kameradschafts-Szene, sich den Hooligans zugehörig fühlende Jugendliche mit Affinität zum Rechtsextremismus, sowie eine rechte „Subkultur“. Letztere äußert sich weniger bzw. gar nicht aktiv politisch, sondern beschränkt sich eher auf gemeinsame Besäufnisse, Konzertbesuche. Allen genannten Ausprägungen ist eine nach außen gekehrte, betonte Gewaltbereitschaft gemein.

Seit dem Bundestagswahlkampf im September 2009 wurde in den Gemeinden Schwabhausen, Bergkirchen zuerst Werbung, mittels Plakaten und Aufklebern, für die neonazistische NPD betrieben. Später konnte gerade in Schwabhausen und ab März 2010 in Dachau eine massive Propaganda mit Aufklebern der NPD-Jugend JN („Junge Nationaldemokraten“), der Kameradschaften „Freie Nationalisten München“, der vor kurzem durch Polizeirazzien am 14.10.2010 geschwächten Gruppierung „Nationales Augsburg“ und anderen („Nationale Solidarität Bayern“, „Kameradschaft Miesbach“) beobachtet werden. Die Clique orientierte sich v.a. an dem Szenetypus „Autonome Nationalisten“ (AN), welche durch Aktionismus, Markieren des vermeintlich eigenen Territoriums und unauffälligerem Kleidungsstil versuchen explizit Jugendliche für die neonazistische Ideologie zu gewinnen. Primäre Praxis der AN ist die versuchte Einschüchterung politischer Gegner_innen, also vermeintlich linker Aktivist _innen und Antifaschist_innen. Wir selbst bekommen regelmäßig Drohungen geschickt.

Ein Problem der AN ist allerdings, dass sie auf Grund des jugendlichen Alters und der dadurch vorherrschenden Sprunghaftigkeit oft schnell das Interesse an kontinuierlicher Arbeit oder durch konsequenten Antifaschismus den zuvor heroisch bekundeten Mut verlieren. So ist es augenblicklich auch für Dachau der Fall.
In anderen Orten konnte sich unter solchen Voraussetzungen, also eine Jugendclique mit 1 – 2 Zugpferden mit Kontakten, eine aktionistische Neonazi Kameradschaft etablieren, wie beispielsweise in Miesbach die sogenannte „Kameradschaft Miesbach“ oder die im Umkreis Augsburg aktiven „AN Mering“.
Wir sehen es als unsere Pflicht in Dachau dies zu thematisieren. Hat sich die Stadt bis in die Neunziger Jahre noch gegen geschichtliche Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit vehement gewehrt (sogar „bis zum letzten Blutstropfen“), wird jetzt Dachau nach außen als Lern- und Erinnerungsort verkauft. Hierbei werden jedoch auch nur die aus heutiger herrschender Sicht nützlichen Aspekte benannt.

Wer kennt noch den antifaschistischen Dachauer Aufstand von kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeiter_innen und geflohenen KZ Häftlingen am 28.4.1945, die Antifaschistischen Arbeitsausschüsse nach der Befreiung Dachaus?
Wer weiß, dass der sogar mit der Benennung einer Straße geehrte ehemalige Bürgermeister Zauner sein Amt während und mit Unterbrechung nach der NS Herrschaft inne hatte?
Und um den Bogen in die Gegenwart zu spannen: Wen interessiert es heute, dass der bis Oktober 2010 amtierende Sprecher der „Wirtschaftsjunioren“ Christoph Neeb als Vorstandsmitglied der „Jungen Union Dachau“ sich 2004 mit dem Holocaust Leugner David Irving identifizieren konnte, ohne sich bis heute davon distanzieren zu müssen?

Menschen wie Max Mannheimer und Initiativen wie der Verein Zum Beispiel Dachau sind existenziell wichtig und für uns wirklich glaubhaft. Im Gegensatz zu den Lippenbekenntnissen der Dachauer CSU. Aber angesichts der Tatsache, dass Neonazismus und Rechtsextremismus ein Teil der Gegenwart, aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft sind, muss der Blick auch immer auf die heutige Zeit gerichtet sein und bleiben.

Gegen alte und neue Nazis vorgehen
Auf allen Ebenen – Mit allen Mitteln

assoziation autonomer umtriebe dachau (november der vierte zwanzigzehn)

Zur Chronik 2010


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